Raus aus Bernardas Haus

frei nach Federico García Lorca

Obwohl vor mittlerweile bald 80 Jahren geschrieben, gehört Federico García Lorcas Tragödie „Bernarda Albas Haus“ bis heute zum Basisrepertoire der Theaterlandschaft. Auch auf Kölner Bühnen kam es schon häufiger zur Aufführung, in den letzten Jahren etwa im Horizont Theater und im Theater Der Keller.

Das Stück entstand als Teil einer Trilogie über die Unterdrückung der Frau im Spanien der 1930er Jahre. Darauf verweist auch die – in der deutschen Übersetzung gewissermaßen unterschlagene – Ergänzung des Titels, „Drama de mujeres en los pueblos de España“, sinngemäß „Das Drama der Frauen in den spanischen Dörfern“.

Jetzt hat sich die Kölner Theatermacherin Andrea Bleikamp, die ihre Inszenierungen bereits an verschiedenen freien Theatern zeigte, des Themas angenommen. Sie zeigt jedoch keine werkgetreue Adaption, sondern ihre ganz eigene Interpretation des Grundthemas – nach eigenen Worten „ein Destillat frei nach Federico García Lorca“. Dafür demontierte sie den Text auf eine Grundlage für einen Assoziationsraum, in dem die Gedanken aus „Bernarda Albas Haus“ erlebbar werden.

Für Andrea Bleikamp ist die Aussage des Stücks bis heute von drängender Aktualität – insbesondere dort, wo – laut Ankündigung – „eine scheinbar übergeordnete Macht die Fäden in der Hand hält und dafür sorgt, dass niemand aus der Reihe tanzt, sondern unter Einhaltung aller gesellschaftlicher Normen um Gestern versteinert.“ Demgegenüber setzt Bleikamp ihr Fazit: „Hält man Menschen unter Verschluss, explodieren sie irgendwann wie Popcorn.“ -da

"Mit vielen machtvollen Sprach- und Bühnenbildern gelingt es Andrea Bleikamp, den Dreiakterauf intensive 60 Minuten einzukochen und mit Scheiderpuppen, Atmo-Tönen und Licht eine beklemmende Atmosphäre im Saal der studiobühneköln zu erzeugen. Frederike Bohr und Tomasso Tessitori lassen mit großer, auch physischer Ausdruckskraft sämtliche Rollen durch sich hindurchfließen. Knapp, aber eindringlich."
(Kölner Stadt-Anzeiger)

Das Wesen der Gewalt

Ein grünes Kleid, das Meer und die Augen von Pepe el Romano – nicht viel, wovon die Töchter der Bernarda Alba träumen. Acht Jahre Trauer isoliert von der Gesellschaft hat die Witwe sich und ihren fünf Töchtern nach dem Tod ihres Mannes verordnet und beschwört damit eine Tragödie herauf. Federico Garcia Lorca schrieb „Bernarda Albas Haus“ 1936 – ein reines Frauenstück, seltene Ware in der Theaterwelt. Aber das nur am Rande. Der körperlich abwesende Mann ist omnipräsent und in der Adaption von Andrea Bleikamp auch auf der Bühne zugegen: als Bild, als Gender-Stereotype und als Teil des Schauspieler-Duos Tomasso Tessitori und Frederike Bohr.

Wie sich die beiden zu Beginn sprechend aus der Dunkelheit lösen und sich inmitten von 18 schwarz verhüllten Kleiderpuppen nicht von diesen unterscheiden, ist ein großer Theatermoment. Andrea Bleikamp und ihr Ausstatter Claus Stump entwerfen in der Folge eine klaustrophobische Atmosphäre in einem strengen Schwarz-Weiß. Die Kleiderpuppen demonstrieren die Macht der Gesellschaft ebenso wie religiösen Fundamentalismus, der den weiblichen Körper den Blicken der Öffentlichkeit entzieht.

Die Produktion nähert sich Lorca assoziativ, verfolgt einzelne Gedankengänge über das Wesen von Unterdrückung und Gewalt. Es wird nicht erzählt, sondern ein Diskurs eröffnet – eigentlich die große Stärke der Arbeiten von Andrea Bleikamp. Hier nun aber erzeugt die Montage verschiedener Ästhetiken, die Collage aus Chorälen, Popsongs und Pferdewiehern, die Konfrontation von Videobildern mit dem Bühnentableau, die mehrfache Auflösung der Rollen keine produktiven Brüche, sondern eine große, ermüdende Offensichtlichkeit.

Gesprochene Regieanweisungen und Dialogzeilen Lorcas werden in Beziehung gesetzt zu dem Bericht einer Vergewaltigung, wie sie während der Massenproteste in Ägypten immer wieder stattgefunden hat. Der von Frederike Bohr emotionslos vorgetragene Report gehört zu den intensivsten Momenten der Inszenierung. Gerade die Zurücknahme lässt das Ungeheuerliche vor dem inneren Auge Gestalt annehmen. Die Gesellschaft, zumal die männlich dominierte, ist hochgradig gewalttätig, jede Form von Abweichung wird unterdrückt. Der Sehnsucht nach Leben bleibt nur ein wilder Tanz als Ventil.
(Sandra Nuy, Choises 03/14)



wehrtheater/andrea bleikamp in koproduktion mit der studiobühneköln