BabyBühne

Ehrliches Publikum erobert die Bühne

Ganz ohne Worte kommt auch ein Theater für ein Publikum, das der Sprache noch nicht mächtig ist, nicht aus. „Frühling, Sommer, Herbst und Winter“ murmelt eine Kleinkindstimme vom Band. Eine Melodie wie aus einer Spieluhr erklingt.

Die „Babybühne“ ist eine Inszenierung des Freien Werkstatt Theaters (FWT) für Kinder bis 14 Monate und ihre Eltern. Der Zuschauerraum bleibt leer, denn das Publikum sitzt auf der Bühne, die durch Wände aus blauen Luftmatratzen begrenzt ist. Das Licht wird gedimmt, hinter einer Schattenwand erblüht ein Baum, dargestellt von zwei weiß gekleideten Frauen. Sie betreten die Bühne, setzen mit Sandsäckchen beschwerte rosa Luftballons zwischen die Kinder, pusten Seifenblasen in die Luft. Die Kinder krabbeln umher und greifen nach Requisiten. „Babys sind das ehrlichste Publikum“, sagt Mona Mucke, eine der beiden Darstellerinnen.

Sarah Hert besuchte eine Probe der „Babybühne“ mit ihrer 13 Monate alten Tochter Olivia. „Ich hatte das Gefühl, sie fand es sehr spannend. Sie hat erstaunt geguckt, alle ihre Sinne wurden angesprochen“, sagt Sarah Hert. Sie findet gut, dass das Stück „nicht zu lang ist, es überfordert nicht, alles passiert langsam“.

Eine knappe halbe Stunde dauert die Choreografie. Danach können die Kinder noch eine Zeit lang im Bühnenbild von Claus Stump sitzen bleiben und spielen. „Wir betreiben hier keine Frühförderung“, sagt Theaterleiterin und Dramaturgin Inken Kautter. Eine reine „Spielstunde“ sei die Babybühne aber auch nicht, sondern „ein Gruppenerlebnis, mit Momenten, die jeder für sich erlebt. Echtes Theater.“

Die Idee zur Babybühne kam Regisseurin Andrea Bleikamp, als sie vergeblich Theaterangebote für ihren Sohn suchte, der im vergangenen Jahr zur Welt kam. „Es gibt die eiserne Regel, dass Kindertheater erst für Kinder ab vier gemacht wird.“ Die Idee, die vier Jahreszeiten darzustellen, stand am Anfang, „um eine Dramaturgie zu entwickeln. Aber ganz ehrlich: Die Babys brauchen nicht einmal die Jahreszeiten. Man muss sich von der Erwachsenenperspektive und den eigenen Erwartungen an Theater frei machen“, sagt sie.

Das Schlussbild zeigt beide Darstellerinnen, die sich in einer Winterlandschaft aus vielen Bahnen Toilettenpapier zur Ruhe legen. Eine große Unordnung herrscht auf der Bühne. „So wie zu Hause“, lacht Marion Bihler, „Babybühnen“-Darstellerin und dreifache Mutter. (Alexandra Spürk, Kölner Stadt-Anzeiger)

Kunst für Stöpsel
Köln bekommt endlich eine Babybühne

Dass die Deutschen in Sachen Nachwuchs ein bisschen lenden- und beckensteif sind, ist kein Geheimnis. Die Geburtenrate wird verlässlich jedes Jahr statistisch dokumentiert und hält sich demnach einigermaßen konstant bei etwa 1,2. Und wäre Kinderfreundlichkeit pisamäßig messbar, bewegte sich das Land wahrscheinlich ebenfalls im Downunder-Bereich. Kein Wunder also, dass Theater für die Allerkleinsten hierzulande Raritätenstatus besitzt, während es in Skandinavien oder Frankreich zum Alltag gehört.

Mit den Allerkleinsten sind dabei die Stöpsel in der Pampersphase gemeint, also die 0- bis 2-Jährigen. Köln, wo der Horizont bekanntlich etwas enger ist als anderswo, hat dabei besonderen Nachholbedarf. Während in Düsseldorf das tanzhaus nrw seit einigen Jahren mit Tanzstücken für diese Altersgruppe experimentiert, beginnt in der Domstadt die Theaterreife in der Regel ab 2. Das musste auch Regisseurin Andrea Bleikamp erfahren, als sie mit ihrem Sohn im Krabbelalter zwei Mal aus Vorstellungen in einem renommierten Kindertheater hinauskomplementiert wurde. Wenn es um Theater für Kinder geht, gibt es eben keine zwei Meinungen.

Also gründete Andrea Bleikamp ihre „BabyBühne“, die sich an Kinder ab vier Monaten richtet. Und wie das in Köln so ist, erntete die Regisseurin zuerst einmal Skepsis, vor allem von Kollegen und Geldgebern, die dahinter eine Krabbelgruppe vermuteten. Ein weiteres „Vorurteil“ kam von Seite der Eltern, die gerne einen „pädagogisch wertvoll“-Stempel auf dem Projekt sähen. Doch die Babybühne setzt weder auf „Kinderbespaßung“, noch auf frühkindliche Bildung, sondern auf ein ästhetisches Erlebnis für die Kleinen in einem Theater. „Wir wollen sinnliche Anreize im Raum schaffen“ sagt Andrea Bleikamp. Und so arbeitet sie mit den beiden Schauspielerinnen Marion Bihler-Kerluku und Mona Mucke vor allem mit Bewegung, Geräuschen, Licht und haptischen Reizen wie Anfassen und Berühren. Da fliegen schon mal Federn durch die Luft, eine Raupe windet sich über den Boden oder eine Blume blüht plötzlich auf. Dafür braucht es auch weder einen gesprochenen Text, noch eine Geschichte, die sowieso eher die Erwachsenen erwarten würden. Was es allenfalls braucht, ist ein Thema. „Wir haben als Aufhänger die vier Jahreszeiten gewählt“, sagt Andrea Bleikamp. Und da bekanntlich die schönsten Blumen sowieso in den Kunstgärten wachsen, setzt die Babybühne bei ihrer ersten Produktion ganz auf elektronische Musik. Kinder reagierten erst einmal auf den Klangreiz, sagt Andrea Bleikamp. Ihnen sei egal, ob es sich dabei um Mozart, Karnevals- oder elektronische Musik handelt.

Und noch etwas ist neu an der BabyBühne. Da das Projekt sehr kurzfristig geboren wurde, mussten Andrea Bleikamp und ihr wehrli theater neue Wege der Finanzierung gehen. Natürlich geben das Freie Werkstatt Theater als Spielort und die Rheinenergiestiftung aus ihrem Feuerwehrtopf etwas dazu, doch der Hauptanteil soll über die Crowdfunding-Plattform startnext kommen. Der Start ins Leben ist eben voller Neuigkeiten.
(Choises, 10/13)

Wunderbare Babybühne

Wer das Staunen von kleinen Knirpsen zwischen einem und vierzehn Monaten miterleben möchte - und zwar dann, wenn bunte Blüten vom Himmel fallen und sich auf dem Boden als Federn entpuppen, der sollte auf jeden Fall gemeinsam mit seinen kleinen Sprösslingen das neue Projekt des Freien Werkstatt Theaters für Babys besuchen.

Und wenn ich auf jeden Fall sage, meine ich auch auf jeden Fall. Kein Hauch von Zweifel und Kritik muss der ausdrücklichen Besuchsempfehlung beigefügt werden. Das Konzept der famosen Regisseurin Andrea Bleikamp, die Bühne der Erwachsenen zur kleinen Erlebniswelt für Babys umzugestalten, ist in beeindruckender Weise aufgegangen. Dabei war die anfängliche Skepsis enorm. Babybühne? Was soll das sein? Neben der schulischen Frühförderung jetzt etwa auch noch kulturelle Frühförderung. Nichts darf mehr dem Zufall überlassen werden, deshalb muss mit der Formatierung des Menschen am Besten schon im Mutterleib begonnen werden. Perfiderweise stellt sich nun auch noch das freie Theater in den spielerischen Dienst dieser Abrichtung. Oder auch: Babybühne? Was für ein Marketingquatsch! Müssen jetzt auch noch Babys zur Zielgruppenerweiterung herhalten, damit das Theater besser ausgelastet ist? All diese Vorbehalte wurden während der öffentlichen Probe, an der elf Babys und deren erwachsene Begleiter teilnahmen, restlos widerlegt. Es war eine muntere, aber nie schrille halbe Stunde bester Babyunterhaltung. Den dramaturgischen Faden bildeten die vier Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Es war eine kleine, abwechslungsreiche Reise durch das Jahr. Blüten rieselten vom Himmel, eine große Raupe bewegte sich geschmeidig über die Bühne, Seifenblasen fielen sanft herab und zerplatzten auf den Häuptern der Kleinen.

Die beiden weißgekleideten Darstellerinnen spielten wohltuend hintergründig und setzten behutsam immer wieder neue Sinnesreize. Das alles war aber keine passive Verköstigung, sondern die Kleinen durften nach Lust und Laune auf die Anregungen reagieren und wurden so zu Darstellern auf der Bühne. Mitunter wurden die Kinder auch direkt einbezogen, wenn ihnen Maracas gereicht wurden. Mit wilder Begeisterung wurden dann die Rumbakugeln geschüttelt, und aus dem lauen Herbstwind wurde ein rauer Herbststurm. Und dann ging das Licht aus, eine Lichtkugel warf Sterne ans Firmament und es wurde mucksmäuschenstill. Von einem Moment zum anderen. Sehr beeindruckend.

Dass das Ganze Hand und Fuß hat, hat wohl damit zu tun, dass die Idee zu dem Stück keine Kopfgeburt war, sondern der Intendantin und Dramaturgin Inken Kauter kam, nachdem sie ihr mittlerweile zweijähriges Kind schon früh zu den Proben von Stücken mitnehmen musste, da kleine Spielstätten finanziell nicht so gut gebettet sind, um längere Babypausen zu ermöglichen. Dem Neugeborenen gefiel das bunte Treiben auf der Bühne so gut, dass der Gedanke, ein Theater für Babys anderer Eltern zu entwickeln, sich fast von selbst einstellte. Doch der Weg von der Idee zum Konzept und zur Umsetzung ist bekanntlich beschwerlich und der Erfolg nicht vorherbestimmt. Um so mehr freut es mich, dass das Stück diese beschwingte Leichtigkeit hat, auch dank der gemütlichen, ganz und gar unvermufften Bühnengestaltung durch Claus Stump. Und das Beste zum Schluss: Babybühne ist nicht nur toll für Babys, Babybühne ist auch toll für die Eltern. Und das ist ja auch nicht ganz unwichtig.
(Roger Lenhard, Meine Südstadt.de)