Kurt-Hackenberg-Preis 2017 für politisches Theater für „Caput VIII – Heine in Müllem“

Caput VIII – Heine in Müllem – theatrale Stadtteilerforschung rund um die Mülheimer Brücke mit Musik und Projektion

Welch ein Vergnügen! Heinrich Heine in Mülheim – ein Erinnerungsort aus „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Treffpunkt Wiener Platz, gleich neben der rotleuchtenden „2020“ - skulpturales Symbol einer mit europäischen Mitteln angestoßenen Stadtentwicklung.

Heinrich Heine ist Thomas Krutmann, der sich mit uns auf eine „theatrale Stadtteilerforschung“ begibt. Stimmkräftig übertönt er den Verkehrslärm als der empört Aufbegehrende, der verzweifelte Flüchtling, der an Deutschland leidende und doch auch immer sehnsuchtsvoll sich erinnernde Romantiker. Übermütig lebenstrunken springt er leichtfüßig über die unförmige Betonmöblierung und bezieht beiläufig dahineilende Passanten mit ein in sein Spiel. Gerade so, als sei er, Heine, ihnen ein guter Bekannter.

Ein eben noch distanziert beobachtender Jugendlicher liest zu seiner eigenen Überraschung eine Zeile aus dem Wintermärchen, als Krutmann ihm auffordernd die aus einem Reclambändchen herausgerissene Seite vorhält. Überallhin heftet er andere Seitenfetzen. Streetart mit Heine. An einer Kneipe stehen Leute und grüßen winkend ihn, Heine. Nein, es sind „die Mülheimer“, die Napoleon zujubeln, als er 1808 mit dem Bürgermeister die Straße entlang reitet.

Nebenan, an der Hauswand eines ehemaligen Kinos entsteht flirrend das skizzenhafte Abbild eines Mädchens – eine „Schuhverkäuferin“, an die der verliebte Heine sehnsuchtsvoll sich erinnert. In der Regie von Andrea Bleikamp ergänzen kleine theatrale Interventionen die Stadtteilerforschung; es entstehen poetische Bilder, in denen Vergangenes sichtbar wird, bevor es ebenso intensiv wie anspielungsreich im Bild der Realität des Ortes aufgeht.

Dort, wo die Betonpfeiler der Brücke über den Rhein stadtzerstörende Unorte entstehen ließen, regt der kluge Text von Marco Hasenkopf über die Vergänglichkeit des Betons zu einer ernsthaft philosophisch anmutenden Reflexion über die Endlichkeit des Lebens an. Überall ist der politische Heine präsent. Er erinnert an verlorene Orte in Mülheim, wie die Synagoge, die ihre erste Zerstörung durch den großen Eisgang 1784 erlebte. Was ahnte er von ihrer zweiten Zerstörung in der Pogromnacht 1938? Aktuell sind die Bezüge, wie sie in einem Lied über die „geilen Zeiten, in denen die Tyrannen gedeihen wie Bankenpleiten“ als Mahnung zum politischen Widerstand gegen die rechtspopulistischen Zumutungen der TrumpErdoganPutins dieser Welt kraftvoll zum Ausdruck kommen.

Schließlich erreichen wir den Rhein. Sehnsuchtsort. Ein Luftballon mit dem Abbild der Schuhverkäuferin steigt in den fernen Himmel. Die Sonne ist untergegangen. Auch Heine entschwindet. Aber er war hier... Die Koproduktion von disriktneun und wehrtheater schafft mit geringen aber pointiert eingesetzten Mitteln ein lehrreich-intensives Theatererlebnis im Stadtraum, das den politischen Dichter Heinrich Heine in unerwarteter Aktualität nahebringt. Zugleich erfährt der in Mülheim an vielen Stellen bedürftige öffentliche Raum eine unmittelbare Belebung. Diese findet eine verlorene Würde des Ortes und weitet das politische Bewusstsein für eine identitätsstiftende Stadtentwicklung.

Gute Gründe für die Auszeichnung mit dem Kurt-Hackenberg-Preis 2017!

Köln, im November 2017 H.-Georg Lützenkirchen für die Jury des Kurt-Hackenberg-Preises der Freien Volksbühne Köln

Text und Konzeption: Marco Hasenkopf
Produktion: districtneun - Bietz & Hasenkopf GbR für kulturelle Projekte an der Schnittstelle von Literatur, Interkultur, Theater und Kunst im öffentlichen Raum, Raketenklub & wehrtheater

Mit:
Thomas Krutmann (Lesung/Performance)
Kerstin Unger (Projektionen & Grafik)
Frank Börgerding & Seb Hinkel (Musik)
Inszenierung: Andrea Bleikamp