Fahnenträger

Langsam malt er mit großen,
ernsten, aufrechten Lettern:
›Meine gute Mutter,
›seid stolz: Ich trage die Fahne,
›seid ohne Sorge: Ich trage die Fahne,
›habt mich lieb: Ich trage die Fahne - ‹

Raumklang nach Rainer Maria Rilke, »Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke«

Ein Ritt durch Kriegsgebiet und erotische Verwicklung im Freundesschloß auf Feindesland: eines seiner bekanntesten Werke schrieb Rilke 1899 nach eigenem Bekunden als studentischer münchner Bohemién in einer Nacht herunter. "Die Weise" ist anrührend, naiv-dramatisch und expressionistisch-plastisch. Der 24jährige Rilke nähert sich einem jungen Vorfahren, von dessen Existenz nur ein Aktenvermerk über seinen Soldatentod blieb. Das kurze Werk voller Übergeschnapptsein und konkreter Überforderung innerhalb einer unerbittlichen Maschinerie wurde in Tausende Soldatentornister des 1. Weltkrieges gepackt und besitzt eine beklemmende Aktualität.

Die Inszenierung des >wehrtheater< komprimiert die "Weise" in ein einziges bewegtes Bild: Ein absurd uniformierter Mann, auf einer archaischen Mechanik verkabelt, erzählt, im Traumland der Erinnerung unterwegs, seine persönliche Geschichte. Seine immer wieder aufbegehrende eigene Dynamik wird quietsch-quietsch in die Dynamik der Maschine zurückgezwungen. Nur einmal steigt er ab, entspannt, tanzt und liebt. Dazu ertönt ein äußerst unsentimentaler Soundtrack.

Der Abend beginnt mit einer kurzen Einführung durch den Schauspieler als „gesprochenes Programmheft“.

mit Thomas Krutmann

Regie: Andrea Bleikamp
Soundtrack: Götz Leineweber